Die Sprache des Deals
Hand aufs Herz: Die Grammatik ist meistens das geringste Problem. Sie können die Fälle im Deutschen perfekt beherrschen und im Englischen sicher zwischen Past Simple und Present Perfect navigieren. Und trotzdem sitzen Sie im Meeting und spüren diese unsichtbare Wand. Sie sagen das Richtige, aber es klickt nicht beim Gegenüber.
Warum? Weil Business nicht nach dem Lehrbuch funktioniert. Es funktioniert über Codes, historische Anspielungen und kulturelle Signale. Wer diese Codes nicht kennt, bleibt der „kompetente Außenseiter“. Wer sie nutzt, wird zum Partner.
Englisch: Das Spielfeld der Agilität (und des Sports)
Haben Sie sich je gefragt, warum amerikanisches Business English so dynamisch klingt? Es ist kein Zufall. Studien zur Linguistik zeigen, dass das amerikanische Geschäftsenglisch stark vom Geist des Utilitarismus geprägt ist – angeführt von Benjamin Franklins Maxime „Time is Money“.
Dazu kommt eine fast obsessive Liebe zum Sport. Schätzungen zufolge stammen fast 40 % der gängigen amerikanischen Business-Idiome aus dem Sport – insbesondere Baseball und American Football. Wer diese Metaphern nicht versteht, verliert in Verhandlungen den Faden.
Von der „Base“ zum „Ball“
Hier geht es nicht um Poesie, sondern um Territorium und Bewegung.
- „To touch base“ (Die Basis berühren)
- Der Fakt dahinter: Dieser Ausdruck kommt direkt vom Baseball. Ein Läufer muss die Base berühren, um „sicher“ zu sein, bevor er weiterläuft.
- Im Business: Wenn ein Amerikaner sagt „Let’s touch base“, will er keinen langen Bericht. Er will kurz sicherstellen, dass wir noch auf dem gleichen Stand sind (safe), bevor das Projekt weiterläuft. Es ist ein Code für: „Kurzes Update, keine Zeitverschwendung.“
- „The ball is in your court“ (Der Ball liegt in Ihrem Feld)
- Die Strategie: Das ist Tennis. Und es ist ein geniales Management-Tool. Statt zu sagen „Ich warte auf Ihre Antwort“, sagen Sie: „Ich habe meinen Zug gemacht, die Verantwortung liegt jetzt zu 100 % bei Ihnen.“ Es verschiebt den psychologischen Druck elegant auf den Partner.
Die Kunst des „Nein“ ohne „Nein“
Die angelsächsische Kultur ist eine „Low-Context“-Kultur, aber paradoxerweise extrem indirekt bei Ablehnung. Ein direktes „No“ gilt oft als rüde oder aggressiv.
- „Let’s put a pin in it“ (Lassen Sie uns eine Stecknadel reinstechen)
- Der Kontext: Ursprünglich kommt das von der Arbeit mit physischen Karten oder Korkwänden. Man markiert etwas für später.
- Die Realität: Es ist oft die höflichste Art, eine Idee zu beerdigen. Wenn Ihr Chef das in einem Meeting sagt, heißt das oft: „Wir reden jetzt nicht mehr darüber, und wahrscheinlich nie wieder, aber ich möchte Ihre Gefühle nicht verletzen.“
Deutsch: Von der Hanse zum Handwerk (Der Kult der Substanz)
Wechseln wir die Perspektive. Wenn Englisch ein Sprint ist, dann ist Geschäftsdeutsch ein Marathon mit schwerem Gepäck. Die deutsche Geschäftssprache ist tief verwurzelt in zwei Traditionen: der Hanse (Kaufmannsehre und Klarheit) und dem Handwerk (Stabilität und Gründlichkeit).
In Deutschland zählt „Handschlagqualität“. Die Sprache spiegelt das wider: Sie ist substantivlastig, präzise und oft etwas schwerfällig, um Missverständnisse rechtlich auszuschließen.
Butter, Fische und Dächer
Wollen Sie in Frankfurt oder Hamburg ernst genommen werden? Dann lassen Sie das vage „Sales-Talk“ Gerede weg.
- „Butter bei die Fische!“
- Der historische Fakt: Dieser Spruch hat norddeutsche Wurzeln. Früher wurde Fisch oft „trocken“ serviert, wenn das Geld knapp war. Butter war teuer. Die Butter zum Fisch zu geben, hieß also: Jetzt wird es ernst, jetzt kommt der Wert auf den Tisch.
- Im Business: Wenn ein Meeting sich im Kreis dreht, ist das der Weckruf. „Jetzt mal Butter bei die Fische!“ heißt: Zahlen auf den Tisch! Tacheles reden! Weg mit dem Marketing-Sprech.
- „Etwas unter Dach und Fach bringen“
- Die rechtliche Herkunft: Dieser Ausdruck ist uralt und geht auf das Mittelalter zurück (erwähnt schon im Sachsenspiegel, dem bedeutendsten Rechtsbuch des Mittelalters). Das „Dach“ ist das Haus, das „Fach“ ist das Mauerwerk darunter. Ein Haus war erst rechtlich fertig und bewohnbar (und steuerpflichtig), wenn es unter Dach und Fach war.
- Die Anwendung: Sie schließen ein Projekt nicht einfach ab („finish“). Sie bringen es unter Dach und Fach. Das signalisiert dem deutschen Partner: Hier wird nichts halbfertig liegen gelassen. Der Vertrag ist wasserdicht, das Projekt ist gesichert.
- „Der Teufel steckt im Detail“
- Die Mentalität: In den USA heißt es oft „Don’t sweat the small stuff“. In Deutschland ist das Gegenteil der Fall. Ingenieurskunst basiert auf Details. Wenn Sie diesen Satz nutzen, zeigen Sie, dass Sie die Komplexität respektieren und nicht oberflächlich arbeiten.
Der kulturelle Graben: „Principles-first“ vs. „Applications-first“
Die Expertin Erin Meyer beschreibt in ihrem Buch The Culture Map einen faszinierenden Unterschied, der sich in der Sprache zeigt:
- Amerikaner sind „Applications-first“: Sie wollen zuerst das Ergebnis (Executive Summary), dann die Erklärung. Deshalb ist ihre Sprache voller Abkürzungen und „Action Verbs“ (to tackle, to leverage).
- Deutsche sind „Principles-first“: Sie wollen erst die Theorie und die Herleitung verstehen, bevor sie das Ergebnis akzeptieren. Deshalb nutzen sie Konstruktionen wie „Bezugnehmend auf…“ oder „Auf den Prüfstand stellen“.
Das Fazit: Werden Sie zum Insider
Die Beherrschung von Business English oder Verhandlungsdeutsch hat nichts mit dem Auswendiglernen von Wörterbüchern zu tun. Es geht um Empathie für die Geschichte des Gegenübers.
- Wenn Sie einem Amerikaner sagen „We need to hit the ground running“ (Wir müssen sofort voll durchstarten – ein Militärbegriff der Fallschirmjäger), signalisieren Sie: Ich bin bereit für Action.
- Wenn Sie einem Deutschen sagen „Wir haben das Konzept auf Herz und Nieren geprüft“ (Biblischer Ursprung, Psalm 7,10 – totale Durchleuchtung des Innersten), signalisieren Sie: Ich biete Qualität und Sicherheit.



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